King of the hill – der große Bokeh Test (für sehr gute aber dennoch preiswerte 50mm-Objektive)

Was braucht der Fotograf? Objektive! Und warum? Weil er sie will! Und was hat der Fotograf nicht immer? Geld! Und was macht er dann? Er besorgt sich einfach das Beste für wenig Geld.

Es heißt, 50mm Brennweite sei die Normalbrennweite, weil sie dem Sichtfeld des Menschen am nächsten komme (andere bestreiten das und wieder andere …). Zu analogen Zeiten war deshalb ein 50mm als Kit-Objektiv fast immer dabei, wenn man sich eine Kamera kaufte. Das ist auch der Grund, warum es heute noch einen unglaublichen Gebrauchtmarkt für diese Objektive gibt. Und selbst die sogenannten »Lichtmonster« mit f1.4 oder sogar f1.2 kosten viel weniger als ihre aktuellen Gegenstücke für digitale Kameras.

Die drei Bokehsen

Ja, man hat bei den genannten Objektiven keinen Autofokus. Ja, manche dieser Objektive haben nicht über das gesamte Bild eine gleichmäßige Schärfe. Aber diese »alten« Objektive haben Persönlichkeit, sie sind nicht kaputtgerechnet, wie es Ken Wheeler, der »angry photographer« wahrscheinlich sagen würde. Ken ist eine selbsternannte Koryphäe auf dem Gebiet von Kameraobjektiven. Man mag über seine Art, sein Wissen auf YouTube zu vermitteln, streiten (ich selbst liebe es), aber ich bin mit noch keinem seiner Tipps bezüglich preiswerter, aber leistungsstarker Objektive reingefallen. Insofern kann ich nur empfehlen, sich seine Videos hier anzusehen!

Was liebt der Fotograf? BOKEH!!! (Bokeh steht zwar noch nicht im Duden, ist aber sehr, sehr wichtig.) Die Faustregel besagt, je lichtstärker und je näher am Tele ein Objektiv ist, desto größer ist das Bokeh. Was aber noch nicht bedeutet, dass es immer schön anzusehen wäre.

Ich wollte es für meine eigenen 50mm-Objektive wissen und machte den BOKEH-Balls Test.

 

Die Kandidaten

Über die letzten Jahre habe ich mir immer wieder mal ein 50mm-Objektiv gekauft. Meine Frau konnte ich meist mit dem niedrigen Preis beruhigen. Wir reden hier von einer geringen Investition von unter 100 Euro – oft sogar unter 50 Euro. Ich spare mir hier die historischen Daten und physikalischen Fakten zu den einzelnen Objektiven – die könnt ihr gerne bei Frau Google erfahren.

Pentacon auto 50mm f1.8 MC (Kaufpreis 33,– €)

Ein wunderbares Objektiv aus der DDR – abgeblendet knackscharf und mit einem interessanten, fast schon altertümlichen Bokeh. Der Fokussiergang ist sehr lang, was gerade beim manuellen Fokussieren mit Focus-Peaking ein absoluter Gewinn ist.

Minolta MD Rokkor 50mm f1.4 (Kaufpreis 70,–€)

Minolta war bekannt für seine sehr guten Objektive. Nicht umsonst hat Leica für die Leica CL mit Minolta zusammengearbeitet. Das 1.4er ist ein tolles Objektiv, das für meinen Geschmack bei Offenblende manchmal zu weich rendert. Ich weiß immer noch nicht, ob es nur an meinem Exemplar liegt, oder allgemein so ist. Aber gerade deshalb liebe ich es für Portraits, es schmeichelt dem Gesicht.

Yashinon-DS 50mm 1.7 (Kaufpreis 35,– €)

Ich nenne eine analoge Yashica Electro 35 GS mein Eigen und bin von ihrem superscharfen 40mm-Objektiv hingerissen. Die Festbrennweite mit 50mm steht dem 40er dieser Kamera in nichts nach. Es ist schon bei Offenblende unglaublich scharf und wird abgeblendet sogar noch viel, viel schärfer! Sein Mikrokontrast ist überragend – was man vor allem bei schwarz-weiß Bildern sieht.

 

Der Versuchsaufbau

Mit dieser Headline habe ich vielleicht etwas hoch gegriffen. Ja, es gibt einen Versuchsaufbau, aber der würde einem wissenschaftlichen Anspruch wohl nicht ganz genügen!

Wir haben ein Objekt für den Vordergrund: Newtons Kugelstoßpendel. Und wir haben eine Weihnachtskette im Hintergrund, dazu ein paar elektrische Geräte für die roten und orangefarbenen Punkte.

Die Kamera (Fuji XT-2) stand auf einem Stativ und wurde fernausgelöst. Alle Bilder wurden bei Offenblende geschossen.

 

Die Bilder

Pentacon auto 50mm f1.8 MC

Pentacon auto 50mm f1.8 MC

Das DDR-Objektiv zeigt schöne Bubbles, die Farbe ist leuchtend und durchgehend, an den Rändern zeigen sich einige chromatische Aberrationen. Die Unschärfe ist vielleicht noch etwas stark kontrastiert und nicht absolut cremig.

 

Minolta MD Rokkor 50mm f1.4

Minolta MD Rokkor 50 mm f1.4

Die Blende mehr Lichtstärke macht es beim Minolta aus: Die Bubbles wirken weicher, aber man sieht einen leicht grünlichen Rand. Sehr wahrscheinlich eine chromatische Aberration. Die Unschärfe fließt weich davon und gibt eine sehr gute Freistellung des Motivs.

 

Yashinon-DS 50mm 1.7

Yashinon-DS 50mm 1.7

Das Yashinon hat wunderbare Bubble-Balls – fast völlig ohne Ränder. Die Unschärfe ist sehr weich, zeigt aber noch Konturen. Ich denke, eine weitere Blende wäre wahrscheinlich sehr schön anzusehen.

 

Die Bewertung

Die Bilder sprechen für sich. Oder eben nicht!

Bei der Bewertung tue ich mich sehr schwer – besonders, weil ich alle drei Objektive wirklich sehr gern mag.

Mein Favorit ist das Yashinon, obwohl es nur eine 1.7er Blende hat. Am schwierigsten ist für mich das Minolta, obwohl es das lichtstärkste Objektiv ist (was man dem Bokeh auch ansieht). Ich weiß nicht warum, aber das Bokeh des Rokkor ist einfach zu gefällig. Es gibt keine Fehler und Ausbrüche. Ich will ehrlich sein: Ich finde es langweilig. Da zeigt das Pentacon schon mehr Charakter.

Wer mich jetzt für absolut verrückt hält: Ich mache die Bewertung neben den obigen Bildern an meinem Alltag mit den drei Objektiven fest. Und natürlich den Ergebnissen, die ich damit auf der Straße oder zu Hause erziele. Letztendlich bleibt anzumerken, dass ich keines dieser Objektive gern hergäbe. Warum auch?

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